Das Porträtarchiv

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Bundesrat Moritz Leuenberger gastiert mit «Lüge, List und Leidenschaft» in Frauenfeld
Drei Tage nachdem sich Frauenfeld wieder von den Strapazen der Bechtelisnacht 2008 erholt hatte, gastierte ein besonderer Gast in der Kantonshauptstadt: Bundesrat Moritz Leuenberger! «frauenfeld-events.ch» hatte die Gelegenheit den Bundesrat mit einem Fototeam zu einer Talk-Aufzeichnung ins Fernsehstudio von «Tele Top» und zur Buchpräsentation ins Eisenwerk zu begleiten. Im Anschluss an die Veranstaltungen stand er Andrina Bachmann Red und Antwort. Daraus entstand folgendes Porträt:

Meine Beziehungen zu Frauenfeld sind weitreichend: Hier habe ich die Rede über die List-Schwestern und beim 200-Jahr-Jubiläum die Festrede gehalten. Und streng genommen ist die Idee zu meinem neuen Buch «Lüge, List und Leidenschaft - Ein Plädoyer für die Politik» auch hier entstanden: Ein mir unbekannter, junger, politisch engagierter Mann hat mir anonym ein Mail geschickt, das den Anstoss zum vorliegenden Buch gab. Erst heute Abend habe ich den Mann nun persönlich kennengelernt. Insofern habe ich jetzt einen noch engeren Bezug zu Frauenfeld.

Mit meinem Buch möchte ich widerlegen, dass man in der Politik nicht zwingend lügen muss und doch ist es auch wieder nicht möglich, immer die Wahrheit zu sagen. Sie müssen sich zum Beispiel folgende Situation vorstellen: Irgendwo werden Geiseln genommen. Ist es in dieser Lage sinnvoll, die Wahrheit zu sagen, also lauthals zu verkünden, dass man den Entführern nachgegeben und Lösegeld bezahlt hat? Dies würde unweigerlich Trittbrettfahrer auf den Plan rufen und aus dem einen würden mehrere Probleme. Die Politik oder Politiker allgemein müssen hier abwägen, ob es nicht besser ist, das Aussprechen der Wahrheit auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Doch bei allen Bedenken muss man stets mit seinem Gewissen im Reinen sein und sorgfältig abschätzen, ob die Handlung, die man gezwungenermassen vornehmen muss, auch legitim ist und ob man später dafür geradestehen kann. Dieses Abschätzen ist nicht immer einfach.

Mein Buch verstehen ich nicht als Bibel, dessen Aussagen unangefochten bleiben sollen, es soll zum Denken anregen und Gesprächsstoff für Diskussionen liefern. Und dies, so scheint mir, zumindest den zahlreichen Leserbriefen nach zu urteilen, habe ich auch ein Stück weit erreicht.

Das Buch hat auch eine Passage, wo es um Almosen für «Bettler» geht: Zwei Personen, der geschäftstüchtige und ordentliche Luzius und die mitfühlende Angelika, sitzen sich im Zug von Zürich nach Bern gegenüber. Er, die Umwelt mehr über das Denken und den Verstand beurteilend, und sie, eher der Gefühlsebene zugetan, streiten sich über Ziel und Wert karitativ und sozial engagiert zu handeln. - Dies scheint mir der richtige Einstieg auf die Frage zu sein, ob ich nun eher Luzius oder Angelika bin. Bei Strassenmusikern in Bern, die immerhin noch etwas für ihre Spenden tun und nicht einfach die hohle Hand hinhalten, bin ich gerne bereit, in die Rolle von Angelika zu schlüpfen.

Ich bin ja nicht nur, sondern nur zu einem ganz, ganz kleinen Teil Autor, der in den Medien Beachtung findet. Als Politiker stehe ich gerne im Rampenlicht der Medien, denn sonst wäre ich in dieser Rolle fehl am Platz. Um gehört zu werden, muss man erst einmal in den Medien präsent sein. Und hier unterscheide ich zwischen Privatleben und Öffentlichkeit. Meine Wohnungseinrichtung und wer nun das Sagen in der Küche hat, standen noch nie in der Klatschspalte einer Zeitung. Meine Öffentlichkeitsarbeit fand, vor allem vor meiner Zeit als Bundesrat, im Parlament statt. Da hatte ich Ideen, wie ich mit Flipchart und Stift die Interessen der Medien auf mich ziehen konnte. Ich brauchte keine Fotografen, die mich im Trainingsanzug ablichteten und so für Publizität sorgten. Dennoch komme auch ich nicht darum herum, dass die eine oder andere private Anekdote über mich erzählt wird, wie etwa die Geschichte mit der Parkuhr, die sich letzten Sommer in Zürich zutrug. Aber ich muss gestehen, als die Geschichte an die Öffentlichkeit kam, musste ich zuerst nachdenken, um welches Ereignis es sich handelte, denn für mich war es eine Lappalie, die jedem einmal passieren kann, deshalb möchte ich an dieser Stelle auch nicht noch einmal darauf zurückkommen. Ich nehme den ganzen Aufruhr gelassen. Aber die Geschichte in den Medien zeigt mir, dass man als Politiker scharf beobachtet und kritisiert wird und dass bei uns zuweilen andere Massstäbe angewendet werden.

Zur Politik bin ich schon sehr früh gekommen. Bereits in der Schule hat sie mich interessiert und ich habe auch diverse Ämter übernommen und stets meine Meinung gesagt. Und genau das wünsche ich mir auch von den heutigen Jugendlichen: «Sagt, was ihr denkt und meint - seid aktiv!» Von der Schweiz wünsche ich mir, dass sie in ihren Grundzügen, mit der Kultur- und Sprachenvielfalt, bestehen bleibt und dass neue Technologien und Infrastrukturen geschaffen werden können.

Ob ich meine Putzfrau im Bundeshaus kenne? (er lacht) Andere Staatsmänner mögen ein gutes Verhältnis zu «ihrer» Putzfrau gehabt haben, aber in Bern ist es gar nicht möglich eine derartige Beziehung aufzubauen, da sie etwa alle zwei Wochen ausgewechselt wird.












































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