Das Porträtarchiv

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Christkind
Ich traf mich kurz vor Weihnachten mit dem Christkind und musste froh sein, dass es überhaupt noch Zeit für ein Interview hatte.

Puuh, da können Sie aber froh sein, dass ich überhaupt noch Zeit für ein Interview mit Ihnen gefunden habe! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel ich im Moment zu tun habe. Aber trotz Stress und Hektik liebe ich die Weihnachtszeit. Und somit natürlich auch meinen Beruf: Ich reise um den ganzen Globus, und das noch auf Spesenkosten. Sehe mal diese Kultur, mal eine ganz andere. Doch was mich an meinem Beruf am meisten fasziniert, sind die kleinen Kinder. Egal wo ich ankomme, sei es in Afrika oder Australien, Island oder Italien, an jeder Ecke dieser grossen weiten Welt warten Kinder schon voller Freude auf mich. Wenn ich ihnen dann ihre lang ersehnten Geschenke gebracht habe, sehe ich, wie ein Funkeln in ihren kleinen verträumten Augen aufblitzt und sie einfach glücklich sind. Ja, das sind wahrlich unbezahlbare Momente; Momente in denen der vorangegangene Stress und die dazugehörende Müdigkeit mit einem Schlag verschwinden.

Es ist unglaublich, wie viel Post ich Jahr für Jahr von Kindern auf der ganzen Welt bekomme! Jedes schreibt mir dann sorgfältig eine Liste mit seinen Wünschen. Je nach Land und Volk können das manchmal ganz schön ausgefallene Dinge sein, die nicht immer so einfach zu beschaffen sind. Nicht einmal für mich, das Christkind, das zahlreiche Handelspartner und Hersteller auf den verschiedensten Flecken der Welt hat. Doch das ist gerade die Herausforderung in meinem Beruf: Jedes Kind glücklich zu machen!

Wie in jedem Beruf gibt es auch in meinem Schattenseiten. Der Stress wäre gar nicht so schlimm. Der Erfolgsdruck ist für mich viel belastender: Ich könnte es niemals ertragen, wenn ein Kind enttäuscht und deprimiert am Weihnachtsabend zu Bett gehen muss, weil ich es nicht geschafft habe, ihm das richtige Geschenk zu bringen. Aber auch die Erwachsenen bereiten mir grosses Kopfzerbrechen: Was kann ich tun, damit sie nicht ganz den Glauben an mich verlieren? Mit Schrecken musste ich in den vergangenen Jahren feststellen, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens und mit zunehmendem Alter immer mehr an meiner Existenz zweifelt. Obwohl ... zweifeln ist hier wahrscheinlich der falsche Ausdruck, denn sie sind ja schon fest überzeugt, dass es mich nicht gibt. Würden Sie denn nett finden, wenn man Sie einfach aus ihrem Leben verbannt und so tut als würde es Sie gar nicht geben? Na also, genau so geht es mir auch! - Da gibt es ausserdem ein ganz besonderes Volk dieser Erde, über welches ich mir speziell viel Sorgen mache: Die Amerikaner! Sie haben sich doch tatsächlich erlaubt, mich durch Santa Claus auszuwechseln! Sie sind also einfach so zur Konkurrenz übergetreten. Gründe dafür finde ich keine. Schliesslich ist Santa Claus nicht annähernd so fleissig wie ich, denn er hat zahlreiche kleine Helfer, die ihm die meiste Arbeit abnehmen.

Ah ja, wenn ich schon gerade bei den negativen Punkten meiner Arbeit bin, muss ich hier noch eine kleine Beschwerde an meinen Chef richten: Denken Sie nicht auch, dass es nächste Weihnachten Zeit wäre für ein neues Transportmittel? Also so ganz spontan würde ich da vielleicht einen BMW vorschlagen ...!

Nun gut, weiter im Takt. Sie fragen mich nach meiner Herkunft? Dazu kann ich Ihnen zwei verschiedene Geschichten erzählen. Hier die erste:

Im Mittelalter wurden die Kinder am Nikolaustag, dem 6. Dezember, oder am «Tag der unschuldigen Kinder», dem 28. Dezember, beschenkt. Die Protestanten waren aber gegen die katholischen Heiligen, somit folglich gegen den «Tag der unschuldigen Kinder», da dieser ein katholischer Feiertag ist. So blieb nur noch der Nikolaustag als Bescherungstag übrig, an dem die Protestanten auch wieder festhalten wollten. Martin Luther, der allmählich genug von dem nervenaufreibenden Streit zwischen Katholiken und Protestanten hatte, ersetzte den Weihnachtsmann durch das elsässische Christkind. Martin Luther ist somit mein Erfinder! - Ursprünglich verteilte ich die Geschenke am 25. Dezember. Die Katholiken konnten sich mit dieser Änderung aber nicht gleich anfreunden und so durfte ich erst ab 1900 auch bei ihnen am Weihnachtstag, dem 25. Dezember, vorbeikommen.

Die zweite Geschichte zu meiner Herkunft ist keine einheitliche. Dazu gibt es unzählige verschiedene. Denn jedes Kind, im besten Falle auch jeder Erwachsene, hat seine eigene Vorstellung woher ich komme. Und das ist auch gut so, denn jeder fügt mit seiner Geschichte einen kleinen Teil in mein Lebenspuzzle ein.

So, nun muss ich auch schon wieder gehen. Weihnachten steht schliesslich vor der Tür!

























































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