Kolumne

In unserer Kolumne lassen wir Personen zu Wort kommen, die sich mit der Lebensqualität und dem Leben allgemein in unserer Stadt auseinandersetzen.



Ist Frauenfeld «l(i)ebens-wert»?
Was heisst «l(i)ebenswert»? Kann eine Stadt überhaupt «liebenswert» sein? Lebenswert schon, aber liebenswert? Dazu einige Gedanken:

Noch vor einem Jahr wurde vom Rathaus aus Frauenfeld als die lebenswerte Stadt dargestellt und sugeriert. Dann kam die Auswertung einer externen Umfrage durch ein Marktforschungsinstitut: Plötzlich sah es anders aus. - Vom Rathaus kam ein verlegenes Lächeln und für einen Moment ein betretenes Schweigen. Man war erstaunt und wusste für den Moment nicht weiter: Das hätte man nicht erwartet! - Die Bevölkerung sah es anders!

Faktum ist, dass Frauenfeld nicht zu den innovativen Städten der Schweiz zählt - hier wird nicht wirklich Grosses bewegt oder geschaffen - weder kulturell noch wirtschaftlich! Frauenfeld ist die Stadt der Handwerker und nicht der Tüftler und Forscher, die die Welt zu revolutionieren versuchen. Hier schläft man, engagieren tut man sich anderswo! Auch im kulturellen Bereich: Vieles ist Wiederholung und von der Stange! Von Ausnahmen abgesehen. Das x-te Auftreten des gleichen Ensembles mit dem gleichen Programm, aber wiederum als prächtig, bereichernd, wohltuend und einmalig dargestellt. Es sind, um in der Sprache des Tages-Anzeigers zu sprechen, B-Seiten, die die Frauenfelder als Highlight vorgesetzt bekommen. Die Stadt fördert zwar, initiert aber nur wenig selbst. Muss sie auch nicht, aber sie sollte aufkommenden Strömungen nicht schon im Voraus den Schnauf abdrehen, wie dies etwa beim ersten HipHop-Konzert in Frauenfeld geschehen sein soll. HipHop ist Kultur - Jugendkultur, die ebenso förderungswürdig ist wie die Theateraufführung im Casino. Frauenfeld ist nicht die richtige Bühne für teure Theateraufführungen und -inszenierungen wie sie Jean Grädel oder Alex Bänninger gerne sehen würden. Frauenfeld braucht Nischenkultur, muss auf dem kulturellen Weltmarkt aktiv werden, wie etwa das «Generations» und versuchen Einmaliges auf die Beine zu stellen, wenn's denn in diese Richtung tendieren soll. Dazu braucht es Engagement und Inspiration, wie wir sie in den 70er Jahren hatten und Winterthur mit den «Musikfestwochen» zum Aufbruch verhalfen.

Toleranz ist ein weiteres Schlagwort, das in Frauenfeld fehlt: Die «Megabeachparty» steht wieder vor der Tür und da werden 50 Tonnen Sand für das richtige Beachfeeling vorgefahren. Alljährlich wird in der hiesigen Presse der genau gleiche Leserbrief abgedruckt, der diesen «Überfluss» in Frage stellt und verurteilt. Ich habe noch keinen Leserbrief gesehen, der das «Eidgenössische» im Sommer wegen den vielen Transporten für Sagmehl, Tribühnen, Verpflegung und so weiter in Frage stellt. «Megabeachparty»-Besucher gehen vom Bahnhof zur Festhalle Rüegerholz zu Fuss, Schwingfestbesucher greifen auf einen Shuttlebus zurück.

Bei Jugendlichen ist Frauenfeld «out»! Sie gehen lieber nach Winterthur in den Ausgang, weil's da spannender ist. Schade deshalb, dass die Konvikthalle nun doch an die Stadt Frauenfeld vermietet wurde. Unlängst liess diese nämlich verlauten, dass sie hier ein Einnahmepotenzial sehe! Die Halle muss also Gewinn abwerfen und steht nicht mehr für günstige Experimente mit Ambiente zur Verfügung. Der Mietzins von jährlich 25'000 Franken will schliesslich amortisiert werden. Potentielle Flopps liegen nicht mehr drin. Welcher (Party-)Veranstalter kann sich eine grosse Miete leisten, wenn es sogar nationalen Agenturen hier die Sprache verschlägt, wenn sie vor leeren Sälen spielen lassen müssen, während in Rubigen oder Solothurn das Haus voll ist? Man geht lieber nach Winterthur oder Zürich an den gleichen Anlass als hier mit Hinz und Kunz den Raum zu teilen.

Der Stadtregierung würde es gut anstehen, wenn sie sich vermehrt an Jugendanlässen, egal ob Sport oder Parties, (emotionsgeladen, tanzend, feiernd und mit offener Aura) zeigen würde. Solidarität und Würdigung wären angebracht, denn hier wie dort sind die Anstregungen, um in Frauenfeld etwas zu bewegen, gross. Wie heisst es doch so schön an der Autobahn: «Frauenfeld bewegt!» - Aber was?

Wir müssen umdenken! Auch beim Anerkennungspreis der Stadt Frauenfeld! Soll geehrt werden, was schon zwanzig Jahre besteht? Im Wort Anerkennung steckt Lob und Ermutigung Neues zu schaffen und tätigkräftig zu sein! Meist braucht es diese Anerkennung, wenn etwas am Entstehen ist und nicht (mehr), wenn etwas schon entstanden ist. In diesem Sinn müsste dieses Jahr das «Kaff» und das Jazz-Festival «Generations» den Förderpreis erhalten, wobei letzteres das Preisgeld einem Partyveranstaltungsfonds zur Verfügung stellen sollte, damit die Miete für die Konvikthalle bezahlt werden kann.

Aber auch Veranstaltungsbesucher müssen umdenken, dass nämlich auch Veranstaltungen vor der eigenen Haustür besuchenswert sind; dass nicht der gleiche Anlass oder eine ähnliche Party in Winterthur oder Zürich mehr wert ist. Wie kann man das erreichen? Durch Originalität und Andersartigkeit. Es müssen attraktive Rahmenbedingungen und -programme gestaltet werden, die einen Mehrwert darstellen und zum Besuch animieren. Wir müssen uns abheben vom schweizerischen Mittelmass, das Tradition vor Innovation stellt. Gerade heute ist dies wichtig, wo alles Spass machen muss! Nehmen wir Rubigen mit ihrer (Kultur-)Mühle als Vorbild und werden wir «Vorort» von Winterthur und Zürich.

Auf die/den neue/n städtische/n Kulturbeauftragte/n kommt viel Arbeit zu. Und der Rahmen sollte nicht zu eng gesteckt werden. Es braucht Initiative, Mut, ein offenes Ohr, Unterstützung und weniger Gegenargumente, warum man dies und jenes nicht kann. Nur so kommt etwas ins Rollen: Einen Schneemann zu bauen beginnt man auch nicht mit einem grossen «Rugel», sondern mit einem Schneeball, und wenn's nicht klappt, beginnt man von vorne! Man hört in Frauenfeld viel Ach und Skepsis - und dies meist auch nur hinter vorgezogenen Gardinen! Dafür wird lauthals betont wie erfolgreich diese und jene Veranstaltung gewesen sei, obwohl nur zwanzig (20!) Personen anwesend waren. Schönrederei sagt man dem!

Peter Knüsli
























































































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